Therapiepferd im Einsatz: Grundlagen möglicher Kommunikationsebenen zwischen Mensch und Tier
Da steht er, Brie, der riesige Percheron-Wallach. Mit einem Stockmaß von 1,85m und der Empfindsamkeit eines Mäuschens. Vor ihm eine Gruppe fremder, staunender Menschen. Der Kontakt erschließt sich für ihn ausschließlich über seine vertraute Person. Alle Sinne sind dabei aktiv. Er beobachtet genau, lauscht, spürt, riecht. Und dann, zu einem für ihn passenden Zeitpunkt, verlässt er den geschützten Raum und begrüßt jeden Einzelnen. Seine Arbeit kann beginnen – und wird die Gäste tief berühren.
Diese Verbundenheit zwischen Menschen und Pferden reicht über 5.500 Jahren zurück und ist geprägt von einer gemeinsamen Geschichte sowie einer tiefen Partnerschaft. Pferde haben im Laufe der Zeit in verschiedenen Kulturen und Zivilisationen eine bedeutende Rolle gespielt und die menschliche Entwicklung auf vielfältige Weise beeinflusst. Sie spielten eine entscheidende Rolle in der Kriegsführung und veränderten die Art und Weise, wie Schlachten geführt wurden. Sie waren Transportmittel, dienten in Jagd und Landwirtschaft, Sport und Unterhaltung und haben in vielen Kulturen und Religionen symbolische Bedeutung. Sie wurden als heilige Tiere verehrt, galten als Boten der Götter oder als Symbole von Macht, Freiheit und Loyalität.
Heute sind Pferde überwiegend Freizeit- und Sozialpartner, aber zunehmen auch wertvolle Co- Therapeuten in verschiedenen Fachbereichen der tiergestützten Interventionen.
Der Einsatz von Pferden in Therapie und Coaching (im folgenden Text als „Therapiepferd“ bezeichnet) bezieht sich auf die Verwendung von Pferden als unterstützende Akteure in therapeutischen und Coaching-Verfahren. Die Methode, auch bekannt als Pferdegestützte Therapie oder Equine-Assisted Therapy (EAT), wird in verschiedenen Bereichen wie der Psychotherapie, Sozialarbeit, Physiotherapie, Ergotherapie, Pädagogik und im Coaching eingesetzt. Es gibt verschiedene Formen der pferdegestützten Therapie, darunter:
- Hippotherapie: Diese Form der Physiotherapie konzentriert sich auf die Verbesserung der motorischen Fähigkeiten, Körperwahrnehmung, Gleichgewicht und Koordination von Patienten mit körperlichen Einschränkungen oder Behinderungen.
- Heilpädagogisches Reiten: Hierbei steht die Förderung der emotionalen, kognitiven und sozialen Entwicklung von Kindern und Erwachsenen mit besonderen Bedürfnissen im Vordergrund. Dabei werden pädagogische und therapeutische Interventionen mit dem Pferd als Co-Therapeut durchgeführt.
- Pferdegestützte Psychotherapie: Diese Form der Therapie richtet sich an Menschen mit psychischen, emotionalen oder Verhaltensproblemen. Sie kann bei einer Vielzahl von Problemen helfen, wie z. B. Angststörungen, Depressionen, Traumata, Essstörungen, Autismus und Beziehungsproblemen.
Pferdegestütztes Coaching: Im Gegensatz zur Psychotherapie konzentriert sich das pferdegestützte Coaching auf die persönliche und berufliche Entwicklung von Individuen oder Gruppen, die nicht unbedingt unter psychischen Problemen leiden. Es kann in Bereichen wie Teambuilding, Führungsentwicklung, Kommunikation und Konfliktlösung eingesetzt werden.
Von den positiven Auswirkungen des Pferdes auf die menschliche Gesundheit, die bereits Hippokrates thematisierte, über die 1984 formulierte Biophilie Hypothese Edward O. Wilson’s, bis hin zu neuesten Studien – die Wirkung von Pferden auf den Menschen ist umfassend und findet ihre Basis in einer subtilen und vielschichtigen Kommunikation.
Diese interspezifische Wahrnehmung füreinander ist nur eine von mehreren tragenden Säulen der Arbeit mit Therapiepferden. Die hier vorliegende Thesis möchte dazu folgende Fragestellung aufgreifen:
- Welche Kommunikationsebenen eröffnen sich zwischen Menschen und Therapiepferd?
- Wie nehmen Pferde den Menschen wahr und kommunizieren mit ihm?
- Inwieweit können diese Erkenntnisse für die Triade aus Pferd-Klient-Therapeut in einem therapeutischen Setting bewusst bedacht, wahrgenommen und eingesetzt werden?
Wahrnehmung & Sinne
Sowohl in der pferdegestützten Therapie als auch im Coaching werden Pferde aufgrund ihrer Fähigkeit zur nonverbalen Kommunikation, ihrer Sensibilität gegenüber menschlichen Emotionen und ihrer hochsozialen Strukturen und Fähigkeiten eingesetzt. Die Begegnung mit Pferden ermöglicht es Klienten, ihr Selbstbewusstsein, ihre Selbstwahrnehmung und ihre Selbstwirksamkeit zu verbessern.
Beziehungsfähigkeit, Resilienz und Persönlichkeitsentwicklung sind nur einige der elementaren Fähigkeiten, die im pferdegestützten Setting grundlegend gefördert werden können. Um diese Effekte zu erzielen, braucht es Pferde, die dem Menschen zugewandt sind, ihrer Bezugsperson vertrauen, pferdegerecht gehalten werden und frei von Stress und Schmerzen sind. Wichtige Grundlage ist zudem das Wissen um die Wahrnehmung und Sinne von Pferden:
Hören
Während der Mensch in einem Bereich von 20-20.000 Hz hört, erweitert sich dieses Spektrum beim Pferd von 55-33.500 Hz. Sie hören im hochfrequenten Bereich also deutlich besser. Ein Umstand, der Fluchtreaktionen erklären kann, deren Ursache für den Menschen nicht ersichtlich scheinen.
Ihr Hörvermögen, aber auch das Spiel ihrer Ohren, die unabhängig voneinander in einem Radius von fast 180° bewegt werden können, sind maßgebliche Bestandteile ihrer Kommunikation.
Pferde hören die menschliche Stimme gut und kommunizieren auch selbst verbal: Brummen, Wiehern, Quietschen, Schreien, Stöhnen und Schnorcheln gehören zu ihrem Repertoire.
Sehen
Pferde sehen deutlich anders als der Mensch. Sie sind Dichromaten und erkennen gelb und blau besonders gut, rot aber zum Beispiel kaum. Ihre optische Wahrnehmung ist auf kleinsten Bewegungen spezialisiert, insbesondere auch in der Dämmerung. Sie erkennen Kontraste sehr gut und Gegenstände am Boden.
Pferden steht nur ein kleiner Bereich des binokularen, dreidimensionalen Sehens zur Verfügung, der sich über 30-70 ° vor ihrem Kopf erstreckt. Die seitliche Anordnung der Augen ermöglicht ihnen jedoch ein umfassendes monokulares, zweidimensionales Sehen in großen Winkeln von 135° zu jeder Körperseite hin. Direkt vor dem Kopf und hinter dem Körper befinden sich tote Winkel, in denen das Pferd nicht sehen kann. Obwohl sie beinahe eine Rundumsicht von 360° haben, ist die Qualität ihres Bildes wahrscheinlich schlechter als das anderer domestizierter Tierarten und auch als das des Menschen.
Tasten / Spüren
Die taktile Wahrnehmung spielt im Kontakt mit Pferden eine grundlegende Rolle, denn sie können eine Berührungsintensität wahrnehmen, die der Mensch nicht spürt1. Gegenseitige Körperpflege ist für Pferde ein wichtiger Bestandteil sozialer Bindung. Ihre Hautrezeptoren reagieren auf Dehnung und Druck, ein Umstand, der insbesondere in Settings bedacht werden sollte, bei denen das Pferd geritten wird.
Neben der Haut sind die Tasthaare an Augen und Maul zusätzliche Sinnesorgane für das Pferd, das in diesem Bereich nichts sieht. Sie haben eine wichtige Schutzfunktion und es ist tierschutzrelevant, sie zu kappen oder abzurasieren.
Riechen
Obwohl noch wenig erforscht, ist der Geruchssinn wahrscheinlich der wichtigste Sinn des Pferdes. Während „normale“ Gerüche über die Riechschleimhaut verarbeitet werden, ziehen Pferde beim Flehmen die Duftstoffe ins Jakobson’sche Organ, insbesondere Pheromone und andere speziespezifische Moleküle können so wahrgenommen werden.
Darüber hinaus ist bekannt, dass Pferde die emotionale Verfassung des Menschen riechen können und mit entsprechender Sympathikus-Parasympathikus-Aktivität auf die Duftproben glücklicher oder ängstlicher Studien-Probanden reagierten.
In der Begrüßung des Pferdes, sollte der Mensch zuerst seine Hände in Ruhe beriechen lassen. Um der olfaktorischen Wahrnehmung entgegenzukommen, ist es überlegenswert, dahingehend auf künstliche Duftstoffe, Parfums, Handcremes etc. zu verzichten.
Kommunikationsebenen zwischen Mensch und Therapiepferd
Kommunikation ist der Prozess, bei dem Informationen, Ideen, Gedanken, Gefühle oder Bedeutungen zwischen zwei oder mehr Individuen ausgetauscht werden. Dieser Austausch kann durch verbale, nonverbale, schriftliche oder visuelle Mittel erfolgen. Die Kommunikation ist ein grundlegender Aspekt des sozialen Lebens und ermöglicht es Menschen und anderen Lebewesen, Beziehungen aufzubauen, Informationen zu teilen, Zusammenarbeit zu fördern und gemeinsame Ziele zu erreichen.
Es gibt verschiedene Formen und Kanäle der Kommunikation:
- Verbale Kommunikation: Diese Form der Kommunikation umfasst den Einsatz von gesprochenen oder geschriebenen Wörtern, um Informationen, Ideen oder Emotionen auszudrücken.
- Nonverbale Kommunikation: Nonverbale Kommunikation beinhaltet die Übermittlung von Informationen ohne Worte, z. B. durch Körpersprache, Mimik, Gesten, Augenkontakt oder Berührung. Nonverbale Signale können oft wichtige Informationen über die Emotionen, Einstellungen oder Absichten einer Person vermitteln, die über die verbalen Äußerungen hinausgehen.
- Schriftliche Kommunikation: Schriftliche Kommunikation ist der Austausch von Informationen und Ideen durch geschriebene Texte. Schriftliche Kommunikation ermöglicht es, Informationen dauerhaft festzuhalten, über große Entfernungen zu teilen und komplexe Ideen präzise und detailliert auszudrücken.
- Visuelle Kommunikation: Visuelle Kommunikation umfasst den Einsatz von Bildern, Grafiken, Farben und anderen visuellen Elementen, um Informationen oder Ideen zu vermitteln.
Kommunikation ist ein hochkomplexer Vorgang, der sowohl die Fähigkeit erfordert, Informationen klar und präzise auszudrücken, als auch die Fähigkeit, die Signale und Botschaften anderer effektiv zu interpretieren und darauf zu reagieren. Erfolgreiche Kommunikation erfordert Verständnis, Empathie, aktives Zuhören und die Fähigkeit, Rückmeldungen zu geben und auf Kritik oder Meinungsverschiedenheiten angemessen zu reagieren.
In der pferdegestützten Intervention gehören Sender und Empfänger zu unterschiedlichen Spezien. Die gesendeten Signale eines Pferdes können sehr fein sein und sind in erster Linie visuell. Im Gegensatz zum Fluchttier Pferd kommuniziert der Mensch gern akustisch. Dazu kommt die Ebene der Berührung, die taktilen Signale zwischen beiden.
Visuelle Signale stehen für Pferde an erster Stelle ihrer Kommunikation. Pferde erinnern soziale Interaktionen und erkennen ihnen bekannte Menschen. Sie erkennen ihre Besitzer auf Fotos und dies sogar nach sechs Monaten, und reagieren emotional angepasst an Fotos lachender oder grimmiger Menschen.
Ein weiteres Beispiel für die Beobachtungsgabe von Pferden ist die Geschichte des klugen Hans:
Der kluge Hans war ein Traber, der Anfang des 20. Jahrhunderts in Deutschland für großes Aufsehen sorgte. Sein Besitzer, Wilhelm von Osten, ein deutscher Mathematiklehrer, behauptete, er habe ihm beigebracht, zu zählen, einfache Rechenaufgaben zu lösen und sogar die Wochentage zu verstehen. Der kluge Hans wurde in zahlreichen öffentlichen Vorführungen präsentiert, bei denen er Fragen beantwortete, indem er mit seinen Hufen auf den Boden klopfte, um die richtige Antwort anzuzeigen.
Eine Untersuchung zeigte, dass Hans die Aufgaben nicht lösen konnte, sondern vielmehr auf subtile visuelle Hinweise seiner Fragesteller reagierte. Man stellte fest, dass das Pferd aufhörte, mit den Hufen zu klopfen, sobald der Mensch unbewusst eine Veränderung in seiner Körperhaltung oder Mimik zeigte, die auf die richtige Antwort hindeutete. Wenn der Fragesteller die richtige Antwort nicht kannte oder das Pferd die visuellen Hinweise nicht sehen konnte, war Hans nicht in der Lage, die richtige Antwort zu geben.
Die Entdeckung des „Kluge Hans-Effekts“ hat gezeigt, wie sensibel Pferde auf nonverbale Hinweise ihrer menschlichen Partner reagieren können und wie wichtig es ist, dass der Mensch sich seiner Signale bewusst ist.
Für den Menschen ist die Stimme das wichtigste Kommunikationsmittel. Pferden fallen die akustischen Signale des Menschen eher schwer und sollten daher differenziert eingesetzt und gut erlernt werden. Der Mensch muss hier umdenken und sehr fokussiert mit Stimme arbeiten. Für Therapiepferde kann eine gut aufgebaute operante Konditionierung akustischer Signale hilfreich sein, zum Beispiel in Form eines Entspannungssignals.
Pferde erfassen akustische, visuelle und taktile Signale. Sie lernen durch Beobachtung, auch durch Interaktionen, die sie mit Menschen und anderen Pferden erleben. Insbesondere die Erfahrungen als Jungpferd beeinflussen das spätere Vertrauen zum Menschen. Ein angehendes Therapiepferd kann intensiv aus der Beobachtung eines gut sozialisierten und habituierten Pferdepartners und dem Beiwohnen positiv gestalteter Mensch-Pferd-Interaktionen lernen.
Pferde schenken menschlichen Signalen Interesse und differenzieren diese deutlich. Eine Studie zeigte, dass Pferde bevorzug auf Menschen zugehen, die ihnen gegenüber aufmerksam sind. Sie orientieren sich dabei an der Körpervorderseite des Menschen, an geöffneten Augen und der Kopforientierung zum Pferd. Sind alle drei Positionen zum Pferd ausgerichtet, wertet das Tier dies als klaren Fokus der Aufmerksamkeit. Sind die Positionen gemischt oder nur in Teilen ausgerichtet, reagieren Pferde zögerlich.
Es liegt also in der Hand des Menschen, eindeutig und klar zu kommunizieren und seinem Therapiepferd dies konstant zu vermitteln. Pferde können generalisieren und ihnen bekannte Signale auf die Begegnung mit anderen Menschen übertragen. So werden sie zu feinsinnigen Kommunikationspartnern in tiergestützten Settings.
Exkurs: Kommunikations-Hindernisse
Es gibt vielfältige Faktoren, die die Kommunikation fördern oder hemmen. Zwei der wichtigsten sind das Wohl des Tieres sowie die Belastung durch Stress oder Schmerzen. Was bedeutet Tierwohl und wie lassen sich Schmerz und Stress erkennen?
Was bedeutet Tierwohl?
Bereits 1979 definierte das Farm Animal Welfare Council (FAWC) in Großbritannien die s.g. „5 Freiheiten“, die als Basis einer artgerechten Tierhaltung insbesondere in der Landwirtschaft und anderen gewerblichen Bereichen dienen sollten.
Die 5 Freiheiten wurden wie folgt definiert (Welttierschutzgesellschaft e.V.):
- Freiheit von Hunger, Durst und Fehlernährung.
Hierzu zählen ein dauerhafter und leichter Zugang zu frischem Wasser sowie eine tiergerechte und gesundheitsfördernde Nahrung. - Freiheit von Unbehagen.
Tiere brauchen eine tiergerechte Haltung, Schutz vor Gefahren und Witterung, adäquate Liege- und Ruhebereiche. - Freiheit von Schmerz, Verletzung und Krankheit
Jedes Tier benötigt fachgerechte medizinische Versorgung, Maßnahmen zur Gesundheitserhaltung (Impfungen, Parasitenbehandlung) und zeitnahe Behandlung von Erkrankungen und Verletzungen. - Freiheit von Angst und Leiden
Hierunter fallen Aspekte eines Angst- und Distress-vermeidendes Managements. - Freiheit zum Ausleben eines normalen Verhaltens
Hierzu zählen ein ausreichendes Platzangebot, tiergerechte Sozialstrukturen, Bewegungsmöglichkeiten, aber auch eine gute Mensch-Tier-Beziehung.
Infolge entstand u.a. 2011 das EU-geförderte Animal Welfare Indicator Projekt (AWIN), in dem der Denkansatz der fünf Freiheiten für den Bereich der Nutztiere vertieft wurde. Aktuell beschäftigen sich die s.g. Münchener Bewertungssysteme vertiefend mit den Tierwohlkriterien für Pferde. Das Weihenstephaner Bewertungssystem, das von Dr. Margit Zeitler-Fecht und weiteren Experten erarbeitet wurde und dessen Kriterien nochmals erweitert Eingang im Projekt BestTUPferd der TU München fanden, umfasst Parameter aus den Bereichen:
- Verhalten / Empfindung
- Gesundheitszustand
- Haltung und Management § Umweltwirkungen
BestTUPferd steht als digitales Tool5 zur Verfügung und ermöglicht die Bewertung valider Tierwohlindikatoren in der Pferdehaltung.
Pferdehalter sollten darüber hinaus mit dem Tierschutzgesetz sowie mit den „Leitlinien zur Beurteilung von Pferdehaltung unter Tierschutzgesichtspunkten vom 09. Juni 2009“ vertraut sein.
Eine fachkundig Haltung des Therapiepferds sollte die Ansprüche aktueller Bewertungssysteme erfüllen. Sie erfordert entsprechende Fachkenntnisse des Tierhalters, bzw. Betriebsleiters.
Stress & Schmerzen
Therapiepferde leiden leise. Ihnen Stress oder Schmerz anzusehen, bedarf Fachwissen und Erfahrung. Eine Studie konnte belegen, dass Pferdehalter viele Aktivitäten als alltäglich und „normal“ ansahen, diese aber bei ihrem Pferd bereits zu Stress und einer Zunahme von Magengeschwüren führten.
Positiver Stress (Eustress) und negativer Stress (Disstress) werden im Organismus über verschiedene endokrine und neurologische Mechanismen gesteuert. Stress kann viele Gesichter haben: ein positiv erlebtes Training, Auseinandersetzungen mit Artgenossen bis hin zu schwerwiegenden Erlebnissen oder sogar Todesangst. Der Körper löst Kaskaden von Hormonen, Neurotransmittern sowie inneren und äußeren Reaktionen aus. Wichtig in der Unterscheidung ist, ob Stress chronisch stattfindet, ob Bewältigungsstrategien entwickelt werden, der Organismus regenerieren kann – oder ob gesundheitsschädigender Langzeitstress entsteht.
Der Stresszustand des Pferdes kann über das freie Cortisol nachgewiesen werden. Dieser Nachweis ist für Mensch und Pferd am praktikabelsten durch eine nicht-invasive Probenentnahme von Speichel oder Kot. Da die Cortisolkonzentration einem zirkadianen Tagesrhythmus unterliegt, bzw. Stress diesen Rhythmus stören kann, muss dieser Aspekt bei der Durchführung von Studien beachtet werden. Neben der Cortisolbestimmung dienen die Herzfrequenzmessung sowie die sensorische Lateralität als Stressindikatoren. Ein standardisierter Indikator in der Erkennung von Schmerz wurde im Rahmen des AWIN-Projektes 2014 entwickelt: der Horse Grimace Scale (HGS).
Um ein Schmerz-, Angst- oder Stressgeschehen festzustellen, sind Gestik, Mimik und Körperhaltungen des Pferdes zu beobachten und individuell in den aktuellen Verhaltenskontext zu setzen. Zu beachten sind hierbei insbesondere: die Augenpartie, der Blick, die Ohrenstellung, die Nüstern, das Maul, der Kiefer, die Kiefermuskulatur, Kopf, Hals, Halswirbelsäule, die Beine sowie die Körpermuskulatur und der Schweif. Das HGS bietet hierfür definierte Kriterien. Die Beobachtung und Einschätzung der festgestellten Merkmale benötigen allerdings entsprechende Erfahrungen.
Fazit Therapiepferd Kommunikationsebenen
Mensch und Pferd nutzen grundlegend unterschiedliche Ausdrucksformen. Während das Fluchttier Pferd leise und eher körpersprachlich kommuniziert, nutzt der Mensch am liebsten seine Stimme. Um den Bedürfnissen von Therapiepferden als Partner in Therapie, Pädagogik und Coaching gerecht zu werden und zeitgleich die Interaktion mit Klienten sicher und wirksam zu gestalten, bedarf es umfassender Kenntnisse der Wahrnehmung, Sinne und Kommunikationsebenen. Die Aufklärung über die unterschiedlichen Sinnesleistungen, über nonverbale Kommunikation und auch über Aspekte der Vermenschlichung (Anthropomorphismus) in der Begegnung mit Pferden können -je nach Inhalt und Ausrichtung des Settings- als Bestandteil der therapeutischen Intervention thematisch in die Arbeit mit Klienten einbezogen werden.
Vertiefende Aspekte wie zum Beispiel das Wissen um die sensorische und motorische Lateralität, um Lernverhalten, eine positive Trainingsgestaltung und Trainingspläne, um Feedback-Systeme, die Gefahren erlernter Hilflosigkeit sowie physischer und psychischer Ermüdung und natürlich Pferdeverhalten im Allgemeinen, sollte zum Grundwissen des Therapiepferde-Halters gehören.
Zum Schluss die Frage: Fühlen Pferde sich mit Menschen wohl? Eine italienische Studie aus 20209 untersuchte, inwieweit eine Mensch-Pferd-Interaktion (Striegeln) sich auf die Herzratenvariabilität (HRV) des Pferdes auswirkte. Diese gilt als psychophysiologischer Marker und gibt in Kombination mit der Herzfrequenz Auskunft über den emotionalen Zustand des Pferdes. Bekannte und unbekannte Personen striegelten die Pferde, was zur Reduktion der Herzfrequenz und der HRV führte. Ein deutlicherer Effekt wurde durch bekannte Personen erzielt und insbesondere, beim Striegeln der rechten Seite – ein Hinweis auf Zunahme der parasympathischen Aktivität. Das Pferd kommt in einen Zustand von Entspannung, Ruhe und Erholung!
In einer pferdegerecht gestalteten therapeutischen Intervention können Mensch und Pferd voneinander partizipieren und vielfältige gemeinsame Kommunikationsebenen finden. Um dem Therapiepferd sein Spektrum an feinen Kommunikationsebenen zu ermöglichen, sollten seine Bedürfnisse im Mittelpunkt stehen. Der Mensch muss um diese wissen sowie die Kommunikationswege und die Sinneswahrnehmung seines Therapiepferdes genau kennen.
Mehr Infos zu Therapiepferden?
Wenn Du mehr über Therapiepferde, ihre Kommunikation, Einsatz, Training und Gesundheit wissen willst, abonniere unseren Newsletter und besuche unsere Fortbildungen und Workshops!